„Wir haben manche Entwicklung verschlafen“
Shownotes
Teil 2 der Podcastreihe - Vortrag von Monika Schnitzer auf:
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Deezer: https://link.deezer.com/s/327cDweoY7oFlbFVprLZK
Podigee: https://zew-wirklich-wirtschaft.podigee.io/4-deutschland-darf-chancen-nicht-verspielen
Jahresgutachten 2025/26 des Sachverständigenrats: https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/jahresgutachten-2025.html
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00:00:00: Sprecher 1 Seit der Corona-Pandemie ist die deutsche Wirtschaft nicht mehr gewachsen. Die Wirtschaftsweisen fordern deshalb in ihrem Jahresgutachten schon im Titel Perspektiven für morgen zu schaffen und mahnen gleichzeitig, Chancen nicht zu verspielen. Monika Schnitzer ist die Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, so der offizielle Name der Wirtschaftsweisen. Sie hat das ZEW Ende 2025 besucht und das Jahresgutachten hier vorgestellt.
00:00:26: Sprecher 1 Daraus haben wir für euch einen zweiteiligen Podcast machen können. Eine „Wirklich Wirtschaft Kompakt“-Folge und eine „Background“-Folge. Ihr hört gerade den ersten Teil in dieser Kompaktfolge sprechen ZEW-Präsident Achim Wambach und Monika Schnitzer über die Kernergebnisse des Jahresgutachten. Im zweiten Teil könnt ihr dann dem Vortrag von Monika Schnitzer folgen, den sie im Rahmen der ZEW-Veranstaltungsreihe „Wirtschaftspolitik aus erster Hand“ gehalten hat.
00:00:50: Sprecher 1 Den Link zu Folge zwei findet ihr den Shownotes. Außerdem das Jahresgutachten 2025/26. Jetzt viel Spaß mit Teil eins und dem Gespräch zwischen ZEW-Präsident Achim Wambach und der Vorsitzenden der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer.
00:01:05: Sprecher 1 ZEW Wirklich Wirtschaft kompakt. Ein Podcast des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim.
00:01:19: Achim Wambach Willkommen in Mannheim beim ZEW. Anlass ist heute der Vortrag zur wirtschaftlichen Lage. Jetzt seit drei Jahren sind wir in einer Rezession oder zwei? Ja, Rezession dieses Jahr sieht auch nicht gut aus. Woran liegts?
00:01:34: Monika Schnitzer Na ja, wir haben schon die Jahre vorher eine schlechte Entwicklung gehabt. Die Investitionen sind zurückgegangen, die Produktion ist zurückgegangen. Und jetzt kommt gerade im Export noch das Problem dazu. Zölle in den USA. China, ein ganz starker Konkurrent. Der Euro hat aufgewertet. Das alles hilft der Exportwirtschaft gerade nicht.
00:01:55: Achim Wambach Also externe Faktoren?
00:01:58: Monika Schnitzer Ja Nein, da eben nicht nur externe Faktoren die Zölle ja und Euroaufwertung, das ist schon auf die externen Faktoren zurückzuführen. Aber dass wir jetzt die starke Konkurrenz in China haben, das liegt natürlich auch daran, dass wir kein so starker Konkurrent mehr sind. Das heißt, unsere Produkte sind nicht mehr so konkurrenzfähig. Wir haben einfach manche Entwicklungen verschlafen oder einfach zu wenig vorangetrieben.
00:02:22: Monika Schnitzer Elektromobilität beispielsweise. Aber auch im Maschinenbau ist China inzwischen ein sehr wichtiger Konkurrent geworden. Die sind praktisch so gut wie wir und sehr viel günstiger.
00:02:34: Achim Wambach Das würde jetzt den Ball an die Unternehmen spielen, also dass die die Entwicklungen so verpasst haben oder zu spät aufgesetzt haben, Ist das so, dass unsere Wirtschaft zu langsam reagiert hat?
00:02:48: Monika Schnitzer Ich glaube, es sind eben immer beide Sachen. Man ist ja schnell bei der Hand und sagt, die Politik hat alles verkehrt gemacht. Und ja, da ist auch vieles verkehrt gelaufen. Wir haben zu viel Bürokratie beispielsweise. Aber wir haben eben auch in der Politik zu stark auf die bestehende Struktur gesetzt und dem damit den Unternehmen auch den Anreiz bzw die Notwendigkeit genommen, sich weiterzuentwickeln.
00:03:12: Monika Schnitzer Und das sehen wir jetzt gerade in der Automobilbranche mit Macht, dass wir nicht vorne dabei sind bei der Elektromobilität und von den anderen überrollt werden.
00:03:22: Achim Wambach Aber die Signale sind jetzt angekommen. Also die Automobilwirtschaft weiß, wo der Wettbewerb steht.
00:03:28: Monika Schnitzer Das wissen Sie schon. Aber was macht die Politik? Die Politik ruft nach dem Verbrenner aus, das zurückzurufen und damit wollen sie den Unternehmen noch mal eine gewisse Chance geben, für eine bestimmte Zeit auch noch mehr ihre Verbrenner zu verkaufen. Ich glaube, das ist genau der falsche Weg. Es Weil das ja genau das Signal gibt Na ja, so schnell müssen wir doch nicht voran machen, was wir wirklich machen müssten, wäre doch jetzt mit Volldampf voraus auf die Elektromobilität setzen, denn die Unternehmen haben ja investiert, die Werke stehen ja da.
00:04:01: Monika Schnitzer Denken wir mal an Zwickau. Das Werk ist einfach unter ausgelastet. Die könnten mehr Elektroautos produzieren. Was uns fehlt, ist die Ladeinfrastruktur. Die ist lange noch nicht so gut ausgebaut. Die ist sehr unübersichtlich und man weiß nicht, wie man zahlen soll. Man braucht verschiedene Apps dafür, die ist noch teuer. Auch da haben wir mangelnden Wettbewerb. Wir haben auch das Problem, dass die Stromsteuer gerade an den Ladestationen nicht gesenkt worden ist.
00:04:31: Monika Schnitzer Also da gäbe es jetzt einiges zu investieren, auch um das Netz auszubauen, damit überall die die entsprechende Ladekapazität zur Verfügung steht. Da gäbe es einiges zu machen.
00:04:43: Achim Wambach Also die Automobilwirtschaft ist ja ein Sektor, der Probleme hat. Aber vielleicht bleiben wir kurz bei dem. Mein Eindruck ist, die deutsche Wirtschaft liegt nicht nur danieder wegen der Automobilwirtschaft, sondern da ist viel mehr im Argen. Aber gerade bei der Automobilwirtschaft. Die Chinesen haben jetzt 100 neue Automobilfirmen, da ist ein immenser Wettbewerbsdruck, eine immense Überkapazität. Würden wir sagen. Die wollen alle in den internationalen Markt rein.
00:05:09: Achim Wambach Ist es da ausreichend, wenn wir sagen, wir brauchen jetzt mehr Ladesäulen, nicht mehr Spitze etwas? Oder müssen wir nicht hier auch eine ganz konsequente Industriepolitik fahren, um uns gegen China wehren zu können?
00:05:20: Monika Schnitzer Nun ja, was China gemacht hat, ist tatsächlich sehr viel zu subventionieren. Was sie gut gemacht haben an der Stelle ist, dass sie das mit Wettbewerb verbunden haben. Also genau, was eben angesprochen wird, dass es da jetzt so viele Unternehmen gibt. Das hat die Unternehmen eben alle gezwungen, sich sehr rasch zu entwickeln. Dann haben sie auch den großen Markt, sie haben es skalieren können.
00:05:39: Monika Schnitzer Sie haben also die Kosten massiv nach unten drücken können. Ja, und jetzt werden einige davon pleitegehen. Es werden nicht alle überleben, aber die haben sich jetzt wirklich sehr gut aufgestellt. Was hätten wir machen sollen? Wir hätten überhaupt mal das strategische Problem erkennen sollen, dass es in diese Richtung geht und das nicht einfach den Chinesen überlassen sollen. Ich will jetzt nicht sagen, wir müssten das alles subventionieren, aber wir müssten zumindest das klare Signal geben, dass es da hingeht.
00:06:03: Monika Schnitzer Und jetzt zu setzen, dass wir einfach die chinesischen Autos hier nicht reinlassen mit Zöllen belegen. Das heißt ja nur, dass wir uns wieder abschotten und die Unternehmen sich hier wieder nicht weiterentwickeln.
00:06:15: Achim Wambach Vielleicht, weil das wie heute Abend das ja noch weiter diskutieren werden. Deutschland leidet auch in den anderen Sektoren. Direktinvestitionen sind sehr stark zurückgegangen nach Deutschland. In Frankreich wird mehr investiert als hier investiert wird. Jetzt hast du schon erwähnt, es ist Bürokratie. Wir haben auch mit die höchsten Steuern die höchsten Belastungen. Haben wir hier ein Erkenntnisproblem oder ein Umsetzungsproblem bei der Regierung, dass wir den Standort wieder attraktiv machen für Investitionen?
00:06:44: Monika Schnitzer Ich glaube, das Erkenntnisproblem haben wir nicht. Das ist inzwischen wirklich jedem klar. Und bei den Steuern tut sich ja auch was. Also es ist ja von der neuen Regierung beschlossen worden, die Körperschaftssteuer in fünf Schritten zu senken. Das wird jetzt kommen und das wird auch einen Unterschied machen. Wir sehen gleichzeitig bei der Bürokratie haben wir in der Tat den großen Aufwuchs und da würde ich auch sagen, die Botschaft ist angekommen.
00:07:10: Monika Schnitzer Jetzt geht es aber darum, etwas dagegen zu tun. Und das Problem hier ist Das ist nicht so einfach. Man kann nicht einfach sagen, jetzt schaffen wir einfach mal zehn Regeln ab. Bei manchen könnte man das vielleicht machen. Denk mal an das Lieferketten Sorgfaltspflichten Gesetz. Man sollte eigentlich überhaupt über jede Regel nachdenken, die so lang einen so langen Namen hat.
00:07:28: Monika Schnitzer Dann ist es, sollte man gleich skeptisch sein, ob das so gut ist. Aber Scherz beiseite. Tatsächlich sollte man natürlich sich bestimmte Regeln anschauen. Braucht es die wirklich? Aber vor allen Dingen sollte man darauf setzen, dass man die Regeln einfacher umzusetzen macht. Einfacher anzuwenden macht nicht so kompliziert, nicht so viel mit Datenschutz alles aufhalten, was man vereinfachen könnte. Ein wichtiges Prinzip wäre zum Beispiel, dieses Once only Prinzip einzuführen.
00:07:56: Monika Schnitzer Once only heißt nur einmal. Und was ist damit gemeint? Einmal seine Daten eingeben für eine Behörde und dann dafür zu sorgen, dass jede andere Behörde, die von mir genau die gleichen Sachen wissen will, wo ich wohne, wie alt ich bin, was ich wie ich heiße, dass sie das einfach alles abgreifen können. Und da haben wir momentan das Problem, dass der Datenschutz verhindert, dass die Behörden sich einfach austauschen können.
00:08:21: Monika Schnitzer Da könnten wir also wirklich voranschreiten.
00:08:24: Achim Wambach Jetzt berät du persönlich und der Sachverständigenrat natürlich institutionell die Politik schon seit einiger Zeit. In dem Gespräch mit der Politik wird dann eher gefragt Was muss ich machen oder wie muss ich machen? Also wie bekomme ich das durchgesetzt?
00:08:38: Monika Schnitzer Ich glaube, die Politik fragt sich vor allen Dingen Wie kriege ich das politisch durchgesetzt? Ich glaube in der Tat, das Erkenntnisproblem ist da nicht so groß. Dann heißt es eben nur Ja, mit meinem Koalitionspartner funktioniert das nicht. Oder? Momentan hört man ganz viel. Das können wir den Menschen nicht zumuten, weil die sich sofort sonst der AfD zuwenden. Ich glaube, hier gibt es doch eine gewisse Mutlosigkeit.
00:09:00: Monika Schnitzer Ich denke, man unterschätzt die Menschen. Die sind nämlich durchaus bereit zu erkennen, was die Stunde geschlagen hat, wenn man es nur wirklich eindringlich genug vermittelt. Man hat fast den Eindruck, es ist noch gar nicht klar, wie schwierig die Lage ist.
00:09:20: Achim Wambach Jetzt sagt der Sachverständigenrat Nächstes Jahr sehen wir Wachstum. Die anderen Studien sagen auch im Jahr danach werden wir wieder Wachstum sehen. So ein bisschen der Blick nach vorne eher optimistisch. Wenn die Politik jetzt. Der Herbst Reform ist schon vorbei, aber die Reformen im nächsten Jahr hinbekommt, dass wir dann auch wieder den Standort attraktiv hinbekommen. Oder wie schaut der Sachverständigenrat auf die Gemengelage?
00:09:43: Monika Schnitzer Ja, also wir werden sicherlich Wachstum sehen. Wir geben ja jetzt sehr viel Geld aus mit dem Sondervermögen, mit der Möglichkeit, jetzt die Verteidigung über Schulden zu finanzieren. Also es wird sehr viel Geld ausgegeben, sagen das automatisch, wird Wachstum bewirken. Die Frage ist nur wie dauerhaft, Wie nachhaltig ist dieses Wachstum? Konkret Für nächstes Jahr erwarten wir ein Wachstum von 0,9 %.
00:10:05: Monika Schnitzer Jetzt kann man an der Stelle aber gleich dazu sagen 1/3 davon geht allein auf einen sogenannten Kalendereffekt zurück. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass im nächsten Jahr mehr Feiertage aufs Wochenende fallen. Früher hätte man gesagt, sein Arbeitgeber freundliches Jahr, die profitieren davon. Das heißt, es wird mehr gearbeitet und das allein macht 1/3 des Wachstums aus. 1/3 geht auf das Finanzpaket zurück, was ich eben schon angesprochen hatte Sondervermögen.
00:10:30: Monika Schnitzer Und das macht also auch einen Unterschied. Trotzdem könnte der Effekt noch größer sein, zumindest auch in der längeren Frist, Wenn man mehr darauf achten würde, dass das Geld wirklich für Investitionen ausgegeben wird, zusätzlich ausgegeben wird, dass man nicht Löcher im Haushalt stopft und irgendwelche Wahlgeschenke verteilt. Da haben wir in der Tat nicht nur gewisse Sorge, sondern große Sorge, dass man das zu wenig beachtet.
00:10:57: Monika Schnitzer Und von daher denken wir auch, es müsste ganz schnell umgesteuert werden, um den Wachstumseffekt größer zu gestalten, nachhaltig zu gestalten. Und das ist ja auch wichtig, damit die Verschuldung nicht so stark ansteigt, damit wir unsere Staatsfinanzen dauerhaft tragfähig machen.
00:11:15: Achim Wambach Also nächstes Jahr arbeitgeberfreundlich. Jetzt hoffen wir, es wird auch investitionsfreundlich. Vielen Dank für das Gespräch.
00:11:20: Monika Schnitzer Sehr gerne.
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