ZEW-Konjunkturerwartungen: Ein Blick hinter die Kulissen
Shownotes
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00:00:00: Pascal Ausäderer (Moderation) Die wirtschaftliche Stimmung in Deutschland bewegt sich auf einem schmalen Grat. Die Realwirtschaft bleibt schwach. Was denken diejenigen, die tagtäglich Märkte beobachten, über die Zukunft der Wirtschaft? Diese Frage treibt nicht nur die Politik und die Medien um. Sie ist auch zentral für die empirische Wirtschaftsforschung. Seit über 30 Jahren erhebt das ZEW monatlich die Erwartungen von Finanzmarktexpertinnen und -experten.
00:00:24: Pascal Ausäderer (Moderation) Und liefert damit nicht nur einen wichtigen Indikator für die Konjunktur, sondern auch eine wertvolle Datenquelle für die Wissenschaft. Doch wie entsteht dieser Indikator? Welche wissenschaftlichen Annahmen stecken dahinter? Und was verraten uns die Erwartungen wirklich über die wirtschaftliche Entwicklung am Ende des Tages? Wer nutzt diese Daten noch und wofür? Darüber spricht ZEW-Präsident Professor Achim Wambach, PhD, mit Dr. Lora Pavlova, der wissenschaftlichen Leiterin des ZEW-Finanzmarkttests.
00:00:53: Pascal Ausäderer (Moderation) Herzlich willkommen zum ZEW Podcast Wirklich Wirtschaft Background. Ein Podcast des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim.
00:01:13: Prof. Achim Wambach, PhD Hallo Lora. Wir besprechen heute den Finanzmarkttest. Der Finanzmarkttest ist eines unserer wichtigsten Produkte, die wir haben hier am ZEW. Der ist sehr öffentlichkeitswirksam und er hat doch Einfluss auf viele Branchen. Er ist auch in der Wissenschaft sehr gefragt. Du bist jetzt seit einem Jahr Leiterin des Finanzmarkttests. Ich bin sehr froh, dass du das machst. Was ist das Besondere aus deiner Sicht? Und bist du immer noch überrascht oder ist das jetzt business as usual, dieser Finanzmarkttest für dich?
00:01:45: Dr. Lora Pavlova Hallo Achim, vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr, heute etwas mehr über den Finanzmarkttest zu erzählen. In der Tat betreue ich diesen schon seit knapp einem Jahr und der Finanzmarkttest ist eine der bekanntesten Umfragen, die vom ZEW durchgeführt werden. Genauer gesagt geht es darum, dass wir monatlich Finanzmarktexpertinnen und -experten zu deren qualitativen Erwartungen befragen über die Wirtschaft in Deutschland.
00:02:11: Dr. Lora Pavlova Ich würde auch sagen, das ist genau das Besondere an dem Finanzmarkttest. Der erste Punkt ist: Wir befragen nämlich Finanzmarktexpertinnen und -experten. Das sind Analysten aus der Finanzbranche oder eben aus Finanzabteilungen von großen Unternehmen. Und es gibt in der Tat nicht so viele solcher Umfragen in der Wissenschaft, die sich mit solchen Themen beschäftigen. Ein weiterer besonderer Aspekt vom Finanzmarkttest ist, dass dieser schon seit einer Weile läuft, nämlich seit 1991. Das heißt, wir haben da eine sehr lange Zeitreihe von Beobachtungen, und das ist nicht so typisch für Umfragedaten.
00:02:52: Prof. Achim Wambach, PhD Die Umfragen, die waren eine Zeit lang in der Ökonomie verpönt, man wollte harte Daten haben: Also, wie verhalten sich Leute oder Experten? Wenn man sich richtig oder wenn man sich einer bestimmten Art verhalten hat, man dann auch mehr Geld verdient hat? Mein Eindruck ist, dass diese Surveys jetzt aber wieder zurückkommen in die Wissenschaft, dass das wieder ein aktuelleres Thema geworden ist. Wie ist da dein Eindruck? Also ist der sehr gefragte Finanzmarkttest auch in der Wissenschaft geschätzt?
00:03:27: Dr. Lora Pavlova Da stimme ich dir auf jeden Fall zu. Aufgrund der Regional Exportation Hypothesis oder die rationalen Erwartungen, die man angenommen hat, die Menschen haben, waren Umfragedaten zu Erwartungen überhaupt nicht von Interesse. Man hat sich nur an Daten, die wir schon beobachten orientiert. Und dann eher gegen Ende des 19. und des 20. Jahrhunderts, würde ich sagen, kam noch mal ein besonderes Interesse in Umfragen sowohl auf von Expertinnen und Experten als auch von Haushalten.
00:04:04: Dr. Lora Pavlova Und aus diesem Grund ist auch unsere Umfrage sehr gefragt. Die wird auch sehr intensiv in der Forschung eingesetzt. Also Stand heute. Es sind mehr als 80 wissenschaftliche Artikel, publiziert in renommierten Zeitschriften, bekannt, die entweder die aggregierten oder die Mikrodaten nutzen.
00:04:25: Prof. Achim Wambach, PhD Dann kann man nur sagen, dass unser Haus 1991 schon den richtigen Riecher gehabt hat, dass der Finanzmarkttest gut 30 Jahre danach in der Wissenschaft gefragt wird. Nein, ich glaube, damals war es auch noch üblich, einen Service zu machen. Es gab so eine Phase, das dann diese Befragungen aus der Wissenschaft rausgedrängt wurden, würde ich jetzt mal sagen, aber jetzt kommen sie wieder zurück.
00:04:47: Prof. Achim Wambach, PhD Insofern ist es sehr schön, dass wir den Finanzmarkttest haben. Ich erinnere mich an eine Studie, die wir gemacht haben. Da ging es darum: Wie ändern sich die Erwartungen, wenn die Zentralbanken Maßnahmen ergreifen, also geldpolitische Signale geben. Und da zeigte sich, dass der Finanzmarkttest doch sehr schnell darauf reagiert, während so typische Konjunkturdaten länger brauchen, um diese Signale aus den Zentralbanken dann auch zu bearbeiten. Da fällt dir noch eine gute Studie ein, oder was war deine Lieblingsstudie, die mit Finanzmarkttest-Daten gemacht wurde?
00:05:22: Dr. Lora Pavlova Meine Lieblingsstudie ist eigentlich eine andere. Und zwar geht es um einen Artikel von Glaser et al. welches im Journal of Finance, also ein sehr renommiertes Journal, erschienen ist. Und zwar haben die Autoren untersucht, ob Menschen Finanzmarktinformationen anders wahrnehmen, je nachdem, ob sie als Preise oder eben als Renditen dargestellt werden. Und das Ergebnis von dieser Studie ist sehr spannend. Genauer haben die Autoren herausgefunden, dass, wenn man Renditen prognostizieren soll, man im Schnitt etwas optimistischer ist, wenn man die Renditegrafiken sich anschaut.
00:05:59: Dr. Lora Pavlova Also historische Information über Rendite, dann ist man eher pessimistischer. Was Sie aus den Daten dann lernen, ist, dass je nachdem, wie Informationen präsentiert werden, es systematisch unsere Erwartungen beeinflusst. Auch wenn der Inhalt im Grunde gleich ist. Also eine sehr spannende Studie, würde ich sagen.
00:06:21: Prof. Achim Wambach, PhD Ja, sehr interessant und man sollte vielleicht ergänzen: Journal of Finance ist das super Top-Journal im Finanzbereich. Also klasse, dass das da reingekommen ist. Das eine ist, dass der Test in der Wissenschaft benutzt wird und vielleicht noch da die letzte Frage dazu die Methodik. Machen wir dasselbe, was wir 91 gemacht haben, oder hat sich der Finanzmarkttest auch weiterentwickelt? Die Befragung, die wir machen?
00:06:44: Dr. Lora Pavlova Ja und nein. Also wir führen natürlich, um eben die Vergleichbarkeit über die Zeit sicherzustellen, führen wir im Grunde dieselbe Methodik wie schon im Jahr 1991. Das heißt, die sogenannte Kernumfrage befasst sich damit, dass man die qualitativen Erwartungen erhebt. Genauer bedeutet das, dass wir die unsere Teilnehmenden fragen: Wird sich die deutsche Wirtschaft mit Blick auf die kommenden sechs Monate verbessern, verschlechtern oder gleichbleiben?
00:07:13: Dr. Lora Pavlova Und diese Frage ist im Grunde seit 91 unverändert geblieben. Allerdings um etwas mit der Entwicklung der Umfragemethodik mitzuhalten, haben wir auch im Laufe der Zeit viele neue Fragen und Formate eingeführt. Das heißt, wir haben die sogenannten Punktprognosen über Inflationsraten in der Eurozone. Die befragen wir einmal im Quartal über reales BIP. Wachstum befragen wir ebenfalls einmal im Quartal und wir haben sogar die sogenannten probabilistischen Vorhersagen, wo eben die Teilnehmenden ihre ganze Verteilung, ihre ganze erwartete Verteilung über Inflation in den kommenden eins, zwei oder drei Jahren angeben können.
00:07:53: Prof. Achim Wambach, PhD Und ja, das ist auch spannend. Ist mit den Surveys dadurch, dass es doch immer mehr werden bei uns im Fach hat sich auch eine eigene Wissenschaft da ja begründet. Wie man fragt und wonach man fragt und was ist robust und ist gut. Also auch selbstverständlich, dass wir das aufnehmen. Aber auch gut zu hören, dass wir diese Befragung auch so machen.
00:08:11: Prof. Achim Wambach, PhD Wir machen das ja zum einen für die Wissenschaft, zum anderen ist es aber auch ein Datensatz, der in die Öffentlichkeit geht. Also Finanzmarktakteure reagieren auch auf diese Daten. Also nicht nur, dass wir sie zur Verfügung stellen, wir befragen sie ja, sondern sie reagieren auch darauf. Wie ist da die Resonanz?
00:08:29: Dr. Lora Pavlova Man muss sagen, wir haben eine sehr hohe, insbesondere auf nationaler Ebene, Resonanz in den Medien. Und uns wird immer wieder widergespiegelt, was für einen hohen Wert diese Daten haben. Was für mich auch persönlich sehr interessant war, war zu erfahren, dass diese Daten eben auch für die politischen Entscheidungsträger oder eben zum Beispiel für Aufsichtsbehörden auch relevant sind.
00:08:56: Dr. Lora Pavlova In der Tat habe ich erst vor einem Jahr, anderthalb Jahren von einer Studie erfahren, die von dem European Stability Mechanismus durchgeführt wurde, also von dem ESM, wo eben unsere Finanzmarkttest-Daten benutzt wurden, um einzuschätzen, wie die Risiken für die Konjunktur im Euroraum sind, also die Risikoeinschätzung durchzuführen.
00:09:21: Prof. Achim Wambach, PhD Jetzt gibt es eine ganze Reihe von Indikatoren für die Konjunktur und wir beide wissen das, weil wir ja jeden Monat uns darauf vorbereiten. Was sagt unser Indikator und wie ist der im Vergleich zu den anderen Indikatoren? Was bedeutet das für die deutsche und für die europäische Wirtschaft? Wenn du ihn einordnen würdest in den Raum der Indikatoren, also die anderen Konjunktur- und Arbeitsmarktindikatoren, die Nachfrage: Wie verhalten sich die Haushalte?
00:09:51: Prof. Achim Wambach, PhD Auch der ifo-Konjunkturindex, den es den es ja auch gibt. Wie würdest du sagen, was ist das Besondere, was ist stark, vielleicht auch was ist das Schwache an dem Index im Vergleich zu den anderen?
00:10:03: Dr. Lora Pavlova Ich würde das nur begrenzt mit anderen vergleichen, weil diese Indizes, die liefern einen unterschiedlichen Blickwinkel. Was der Index liefert, sind eben die Erwartungen von Finanzmarktexpertinnen und -experten von Analysten. Und ich glaube, das Besondere daran ist, dass deren Einschätzungen natürlich auch in den eigenen Unternehmen und im professionellen Kontext eine Rolle spielen.
00:10:32: Dr. Lora Pavlova Das heißt, deren Erwartungen sind nicht nur eine Meinung, sondern die werden für Entscheidungsfindung genutzt und haben auch da einen tatsächlichen Wert.
00:10:44: Prof. Achim Wambach, PhD Kann ich nachvollziehen. Konjunktur ist halt vieldimensional und nicht nur ein Aspekt. Und wir greifen hier den Aspekt die Sicht der Finanzmärkte ab. Wie sagte das Ludwig Erhard, dass die Hälfte der Wirtschaft ist Stimmungen und Meinungen. Insofern ist dein Eindruck, dass die Erwartungen für sich selber stehen? Oder sind die dann meistens doch an harte Daten gekoppelt? Also es sind nicht nur Stimmungen, sondern Stimmungen, basierend auf Fachinformationen wie die Nachfrage, die Auftragseingänge usw.
00:11:20: Dr. Lora Pavlova Ich glaube schon, dass die zum Teil auf harten Daten basieren. Die müssen natürlich irgendwo auch durch ökonomische Modelle begründet werden. Aber ich glaube, dass eben genau das der Mehrwert der Erwartungsdaten, mitunter auch die, die wir im Rahmen vom Finanzmarkt erheben, dass die Information über diese harten Daten hinaus liefern. Die spiegeln, glaube ich, die Sicht von den Menschen auf die Konjunktur.
00:11:50: Dr. Lora Pavlova Was die glauben, wird passieren, sind natürlich auch als Frühindikator, als ein möglicher Indikator für eine für eine potenzielle Trendwende zu interpretieren. Ich glaube, das ist das ist der Mehrwert. Also kurz gefasst ich glaube schon, dass die zu einem gewissen Teil auf harten Daten beruhen. Die müssen eben ja auch begründet sein. Aber ich glaube, der Mehrwert kommt eben durch diesen Aspekt, durch die persönliche Einschätzung der Panelisten.
00:12:18: Prof. Achim Wambach, PhD Ja, vielen Dank. Ich kann nur sagen, von meiner Warte aus, ich bin doch hin und wieder überrascht, die Ergebnisse, die der Finanzmarkttest bringt. Und ich weiß, dass wir beide dann immer versuchen, die harten Daten zu finden, die das begründen können, wie die Finanzmarktexperten jetzt zu ihrer Meinung gekommen sind. Und meistens klappt es auch. Aber man ist trotzdem in dem Moment dann überrascht, dass die das so sehen.
00:12:40: Prof. Achim Wambach, PhD Man hätte es anders gesehen. Nicht immer, aber manchmal passiert das schon, so dass dieses Überraschungsmoment doch sehr stark ist, weil die Finanzmarktexperten nun mal auch näher dran sitzen an der Thematik als wir beide, die hier an unserem Institut sitzen. Ja, vielen Dank. Sehr spannendes Gespräch und weiterhin viel Erfolg für den Finanzmarkttest.
00:12:58: Dr. Lora Pavlova Dankeschön!
00:12:59: Pascal Ausäderer (Moderation) Vielen Dank fürs Zuhören. Das war der ZEW Podcast Wirklich Wirtschaft mit Professor Achim Wambach, PhD und Dr. Lora Pavlova. Weitere Informationen zum ZEW-Finanzmarkttest und zu den Konjunkturerwartungen findet ihr auf unserer Webseite www.zew.de. Wenn euch diese Folge gefallen hat, abonniert gerne unseren Podcast. Bis zum nächsten Mal.
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